Ann Radcliffes Klassiker “The Mysteries of Udolpho” gilt als der Prototyp der “Gothic Novels” und war seinerzeits (es erschien 1794) ein Bestseller. Laut der Einführung meiner Oxford World’s Classics-Ausgabe soll diese Erzählung Schriftsteller wie Edgar Allan Poe und de Sade beeinflusst haben.
Nachdem ich in den verschiedensten Romanen immer wieder über Anspielungen auf Udolpho gestoßen war, hatte ich mir vorgenommen, das Buch in Angriff zu nehmen.
Zum Inhalt: Nachdem der Vater der Französin Emily St. Aubert stirbt, kommt sie in die Obhut ihrer Tante, die bald darauf den italienischen Grafen Montoni heiratet. Montoni, der Schurke der Geschichte, bringt Emily und ihre Tante nach Udolpho. Udolpho ist eine mittelalterliche Burg, mitten in den Bergen, mit Geheimgängen, Folterkammern und düsteren Geheimnissen. Montoni will erst seine Frau, und nach ihrem mysteriösen Tod Emily, dazu zwingen, ihm ihre Güter zu überschreiben.
Ich habe für das über 670 Seiten umfassende Werk mehr als drei Wochen gebraucht, was eine ziemlich lange Zeit ist. Das lag vor allem daran, dass “The Mysteries of Udolpho” langamtig und – zumindest für die heutige Zeit – nicht besonders spannend ist. Erschwerend kommt hinzu, dass Emily St. Aubert eine äußerst anstregende Heldin ist. In fast jedem Kapitel bricht sie in Tränen aus oder fällt gar in Ohnmacht. Über die Gesamtheit des Buches mögen es wohl an die zwanzig Ohnmachtsanfälle gewesen sein.
Bis Emily endlich in Udolpho eintrifft, sind über 200 Seiten zu bewältigen, auf denen die Autorin mit besonderem Vergnügen die vorbeiziehenden Landschaften genaustens beschreibt.
Wie bereits oben erwähnt, hält sich auch das Gruseln beim Lesen in Grenzen (und das von mir, ein richtiger Angsthase, der keine Horrorfilme gucken kann). Dies mag u.a. daran liegen, wie Radcliffe die Spannung aufbauen will. (Mögliche Spoiler!) In einer Szene hebt Emily einen Schleier, um ein darunter verborgenes, geheimnisvolles Portrait zu sehen. Natürlich fällt sie beim Anblick des Enthüllten in Ohnmacht und kann sich im Nachhinein an nichts mehr erinnern. Der Leser erfährt nur, dass das Gesehe furchtbar gewesen sein muss. Nach weiteren 300 Seiten wird schließlich erklärt, dass sich unter dem Schleier eine Wachsfigur befand, die Emily aufgrund der Bläße und des schlechten Zustands für eine vermoderte Leiche hielt. Wäre es hier nicht wesentlich effektvoller gewesen, wenn Radcliffe das Gesehene beschrieben und den Leser im Glauben gelassen hätte, dort wäre tatsächlich eine Tote versteckt gewesen?
Vorläufig wird dies mein einziger Ausflug in das Gebiet der Gothic Novels gewesen sein. Wenn ich mal viel Langeweile habe, kann es sein, dass ich mir Horace Walpoles “The Castle of Otranto” oder Matthew Gregory Lewis “The Monk” vornehme.



Da sieht man/frau mal wieder, was die Menschen damals für ein tolles Frauenbild hatten.
Und das dieser Roman so beliebt war, führt mir nochmal vor Augen, weshalb ich solche Romane meide *grins*
Alle Achtung, dass du es durch hast. Bei solchen Schriften kapituliere ich meistens. Ist weniger quälend :p
gruß
S
ja, ich bin auch ganz stolz, dass ich durchgehalten habe *g*
wenn ich das nicht als “projekt” und als vorbereitung für “northanger abbey” angesehen hätte, hätte ich mittendrin aufgegeben
emilys verehrer, der im buch auftaucht, ist fast genau so schrecklich wie sie – die beiden haben einander verdient^^
Hey! Nix gegen die Radcliffe!
Ich liebe ihre Romane – das Problem ist nur, dass sie einem heute halt wirklich oft ziemlich strange vorkommen, weil die ganze Theorie dahinter nicht mehr präsent ist. Das erste Mal, als ich Udolpho gelesen habe, dachte ich mir auch mittendrin “Was für ein Müll” und hab tatsächlich aufgehört. Um es dann im Rahmen eines Seminars (also mit den Hintergründen im Kopf) nochmal zu lesen und ich konnte es dann gar nicht mehr weglegen.
Vor allem in Sachen Frauen sind Radcliffes Bücher eigentlich viel moderner, als man auf den ersten Blick denkt. (Und vor allem im Vergleich zu The Monk – Lewis hat nämlich ein richtiges Problem mit Frauen, dafür liest er sich spannender. Angeblich war Radcliffe von Lewis’ Buch ziemlich angenervt.) Radcliffes Heldinnen verhalten sich zwar, wie man es von den Frauen damals halt erwartet hat (bzw. etwas überspitzer noch), aber die Situationen, in die sie geworfen werden, sind eigentlich auch nur überspitzt dargestellte Varianten der “normalen” Lebensumstände von Frauen, die normalerweise keinen eigenen Besitz haben und deren Schicksale von den Männern bestimmt werden.
Radcliffe ist aber definitiv Geschmackssache – leichter lesbar ist auf alle Fälle “The Italian” (das müsste auch kürzer sein).
Und viel Spaß bei Northanger Abbey – da macht sich die Austen ziemlich übel lustig über Udolpho. Sehr witzig. Ich steh ja total auf die Verfilmung – die haben da so Darth Vader-Soundeffekte
Dass Radcliffe die Lebensumstände der Frauen in der damaligen Zeit beschreibt, kann ich durchaus nachvollziehen. Trotzdem habe ich mich ab und an geärgert, wie passiv Emily in manchen Situationen ist. Zwar möchte sie Udolpho verlassen, wagt aber keinen einzigen Versuch, bis schließlich ein Mann kommt, der sie rettet. Das kann sicherlich zeitgemäß sein, aber ich habe mir doch einige Male gewünscht, dass Emily ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Dennoch würde ich nicht sagen, dass Udolpho Müll ist.
Was war das für ein Seminar? Hört sich interessant an.
Northanger Abbey habe ich vor Jahren gelesen. Da ich damals Udolpho noch nicht kannte, habe ich viele Anspielungen natürlich nicht vollständig verstanden. Seit gestern lese ich das Buch aber noch einmal.
Welche Verfilmung meinst Du? Die BBC-Verfilmung aus den 80er Jahren? Ich überlege schon länger, ob ich mir diese bestellen soll, aber die schlechten Kommentare/Kritiken haben mich bisher davon abgehalten.
In den nächsten Tagen erhalte ich die neue ITV-Verfilmung von Northanger Abbey, auf die ich schon ziemlich gespannt bin. Scheinbar sollen dort einige Traumsequenzen vorkommen. Da die Adaption etwas modernisiert wurde, sollen es nicht nur Anspielungen auf Udolpho, sondern auch auf The Monk sein. Deshalb überlege ich, ob ich nicht doch noch schnell The Monk lese, es sind ja nur 320 Seiten.
Die Sichtweise der Dinge kann grundlegend immer geändert werden und so gute Ideen gehören einfach in den Blog.